Der Tag, der alles veränderte



Dies ist die Geschichte der Familie Stäheli, die bei der Brandkatastrophe im Februar 2024 ihre berufliche Existenz verlor.

Am 1. Februar 2024 kreuzten sich die Wege der Familie Stäheli, von Matthias Graf (Mediendienst Kantonspolizei Thurgau) und von Daniel Müller, Einsatzleiter der Feuerwehr Sirnach. Ausgelöst durch den Grossbrand auf dem Areal der Familie in Gloten bei Sirnach. Diese Diplomarbeit beleuchtet die zeitlichen Abläufe der Beteiligten: Wer tat was wann, wo trafen sie aufeinander und wie ging es danach weiter?

Sechs der rund 150 beteiligten Personen (von links): Daniel Müller, Feuerwehroffizier der Feuerwehr Sirnach; Matthias Graf, vom Mediendienst der Kantonspolizei Thurgau und die Familie Stäheli mit Marc, René, Brigitte und Tochter Jeannine Fuchs. 

(Bilder: Jan Isler)

Vorphase und Ausgangslage

Am Morgen des 1. Februar 2024 waren der Inhaber der René Stäheli GmbH und sein Sohn Marc bereits früh auf den Beinen. Vater René arbeitet seit 1976 im Transportunternehmen, das sein Vater gründete. Der Gesamtbetrieb besteht seit dem Jahr 1904. Ein Lebenswerk einer Hinterthurgauer Familie, das an diesem ersten Februarmorgen ein Ende finden sollte. René war an diesem Tag schweizweit auf Tour unterwegs, Marc befand sich in Winterthur beim Abladen einer Lieferung. Tochter Jeannine Fuchs war gemeinsam mit ihrer Mutter Brigitte zu Besuch bei der Oma. Der Betrieb lief zu diesem Zeitpunkt normal. Erste Frühaufsteher nutzten die Waschanlage, die ebenfalls zum Areal am Lenzbüel 6 gehört.

Wenige Kilometer entfernt sass Daniel Müller, Feuerwehroffizier und Inhaber der Petro-Handels GmbH in Wallenwil, in seinem Büro und widmete sich seiner Arbeit. Zeitgleich nahm auch Matthias Graf, pikettleistender Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau, in seinem Büro in Frauenfeld Platz und begann seinen Arbeitstag.

Von der ersten Meldung bis zur Klassifikation Grossereignis

«Brand gross, in Sirnach, Lenzbüel 6, Spritzwerk in Industriehalle brennt» lautete die Meldung, die um 10:02 Uhr bei der Kantonalen Notrufzentrale (KNZ) in Frauenfeld einging. Als direkte Konsequenz wurden die Feuerwehr Sirnach – und damit auch Daniel Müller – sowie die Polizei gleichzeitig aufgeboten. Die erste Polizeipatrouille rückte  aus und traf in Gloten ein. Daniel Müller bestieg bereits zwei Minuten zuvor im Depot in Sirnach mit seinem Team die Feuerwehrfahrzeuge und erreichte die Anlage. Schon während der Anfahrt war von der Wilerstrasse aus eine grosse schwarze Rauchwolke sichtbar. Am Einsatzort angekommen, musste der Einsatzleiter sofort handeln. «Ich erkannte rasch, dass das Untergeschoss des Gebäudes im Vollbrand stand und eine extreme Brandlast vorhanden war», so Müller. In der Folge erhöhte er die Alarmstufe und leitete Nachalarmierungen ein.  Danach stellte Daniel Müller die Lage wie folgt fest: Starke Rauch- und Flammenentwicklung prägten die Lage vor Ort. Das Untergeschoss sowie die Dachuntersicht standen bereits in Vollbrand. Ein Übergreifen der Flammen auf umliegende Gebäude konnte nicht ausgeschlossen werden. Eine Polizeipatrouille war zwar schon vor Ort, doch die Situation präsentierte sich unübersichtlich und angespannt. Gesicherte Informationen lagen zu diesem Zeitpunkt erst wenige vor.

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Das Bild entstand am Bahnhof Wil, der zweieinhalb Kilometer Luftlinie entfernt liegt.

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Dieses Bild entstand um 10:12 Uhr als die Feuerwehr Sirnach den Schadensplatz erreichte.

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Als die Feuerwehr in Gloten ankam, stand das Areal bereits in Vollbrand. Eine riesige Rauchwolke bereitete sich aus und legte sich über die Region.

(Bilder: Feuerwehr Sirnach)

«Ich hatte 41 Sekunden Zeit für die Organisation des Schadenplatzes und die erste Erkundung», erinnert sich Müller zurück. Zur gleichen Zeit hörte Matthias Graf über den Polizeifunk, dass sich die Lage in Gloten zunehmend zu einem Grossereignis zuspitzte. Er selbst entschied sich jedoch zunächst, noch mit dem Ausrücken zuzuwarten, bis er weitere Rückmeldungen bekam. Danach wurde das Ereignis  offiziell als Grossereignis eingestuft. 

Alle nach Gloten und erste Löscharbeiten

Spätestens nach der Einstufung als Grossereignis war für Matthias Graf klar, dass es nun heisst, raus in den Einsatz. Er drehte den Schlüssel seines Dienstfahrzeugs und machte sich gemeinsam mit einem Mitarbeiter von Frauenfeld aus auf den Weg nach Gloten. Bereits unterwegs erreichten ihn erste Medienanfragen per Telefon.

Die Einsatzleitung stellte fest, dass es sich nicht um einen Entstehungsbrand, sondern um einen Vollbrand mit sehr hoher Brandlast handelte, bei dem die vorhandenen Mittel allein nicht ausreichen würden. Zusätzlich erschwerte die Sackgasse im Lenzbüel mit nur einer Zufahrt die Lage erheblich. Als erstes liess die Feuerwehr die Lenzbüelstrasse durch die Polizei sperren, positionierte das Tanklöschfahrzeug bewusst mit Abstand zum brennenden Gebäude und leitete die Nachalarmierung weiterer Feuerwehren aus Sirnach, Münchwilen und Wil ein. Parallel dazu wurde mit weiteren Feuerwehrfahrzeugen ein massiver Löschangriff aufgebaut, um den Übergriff auf das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss zu verhindern. Nach der Orientierung teilte Daniel Müller den Schadenplatz in Abschnitte auf, beauftragte die Verantwortlichen auf der rechten Seite mit der Brandbekämpfung und jene auf der linken Seite mit der Erkundung sowie der Räumung des Gebäudes. 

Gleichzeitig begann der Innenangriff im Untergeschoss unter Atemschutz, um das Feuer möglichst früh einzudämmen und eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die ersten Minuten beschreibt Daniel Müller wie eine Übung, die aus dem Ruder gelaufen war. 

«In fiktiven Szenarien gibt es ab und an den Moment, in dem man denkt: Jetzt reicht es aber! Immer noch mehr und noch mehr kommt hinzu. Nur war das hier echt und keine Übung. Irgendwann habe ich gehofft, der Übungsleiter bricht ab – aber da war keiner», sagt er. Praktisch zeitgleich trafen Matthias Graf mit seinem Mitarbeiter und Sohn Marc Stäheli auf dem Areal ein. 

 Der Brand brach im Untergeschoss aus und hüllte innert Sekunden alles zuerst in dichten Rauch und dann in Flammen. 

(Bilder: Kantonspolizei Thurgau / Jeannine Stäheli)

Chaos, One Voice, der Lastwagen des Vaters 

Als der Mediendienstleiter Matthias Graf in Gloten eintraf, herrschte Ausnahmezustand. Feuerwehrfahrzeuge, Polizei, Sanität, Blaulicht und dichter Rauch prägten das Bild. Schaulustige standen am Rand, Medienvertreter begannen, ihre Kameras aufzubauen. Graf verschaffte sich umgehend einen eigenen Überblick. Er sprach mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr, Daniel Müller, sowie mit dem Einsatzleiter der Polizei, plante eine Mediensammelstelle und begann, die Kommunikation zu strukturieren. Sein Grundsatz war klar: «One Voice. Eine Person, die kommuniziert, gesicherte Fakten liefert und Spekulationen aus dem Weg räumt.», sagt er. Zur gleichen Zeit war Marc Stäheli auf dem Areal angekommen. «Mein erster Gedanke war der Lieblings-Lastwagen meines Vaters. Ein Fahrzeug, das für ihn mehr ist als nur ein Arbeitsgerät. Ein Traum, den mein Papi sich vor Jahren erfüllt hat.» 

Marc rannte in die brennende Halle, stieg in das Fahrzeug und startete den Motor. Doch ein Lastwagen fährt nicht einfach los. Er benötigt Luftdruck. «Diese Sekunden fühlten sich endlos an.» Die Hitze in der Kabine wurde unerträglich, die Fensterscheiben des Fahrzeuges begannen zu bersten. Draussen stand seine Schwester Jeannine und schrie, während sie sah, wie ihr Bruder im Rauch verschwand. Dann, im allerletzten Moment, setzte sich der Lastwagen in Bewegung und rollte rückwärts aus der brennenden Halle. Marc sprang heraus. Sekunden später wäre es zu spät gewesen. 

Einsatzleiter Daniel Müller erteilte dadurch einen weiteren zentralen Auftrag: Die Bildung eines Atemschutzpools. Dieser stellte sicher, dass der Innenangriff unter den extremen Bedingungen überhaupt möglich war und über längere Zeit aufrechterhalten werden konnte. «Aufgrund der massiven Rauchentwicklung und der hohen Temperaturen bis eintausend Grad, war ein Einsatz ohne Atemschutz ausgeschlossen», erklärt Müller. Kurz vor 11  Uhr wurde gemeinsam durch Matthias Graf sowie die Einsatzleiter von Feuerwehr und Polizei entschieden, eine Alertswiss- beziehungsweise Swissinfo-Meldung zu veröffentlichen. Darin wurde die Bevölkerung aufgefordert, das Gebiet Gloten grossräumig zu umfahren. Gleichzeitig wurde vor Rauch und unbekannten Stoffen gewarnt.

Massive Rauchentwicklung und offene Flammen im Bereich der Industriehallen und des Palettenlagers prägten das Bild in den ersten Einsatzstunden. Die Fotos zeigen die rasche Ausbreitung des Feuers, die enorme Brandlast sowie die Situation auf und rund um den Schadenplatz in der ersten Stunde.

(Bilder: Feuerwehr Sirnach)

Bestimmung einer Gesamteinsatzleitung am ersten grossen Lagerapport

Um 11 Uhr trafen sich die Gesamteinsatzleitung, die Abschnittsleiter Sirnach–Münchwilen, die Abschnittsleiter Wil, die Fachbereichsleiterin Atemschutz, der Leiter Sanität, das Feuerwehrinspektorat, das Amt für Umwelt sowie Vertreter der Kläranlage zum ersten grossen Lagerapport. Ebenfalls anwesend waren Matthias Graf vom Mediendienst der Kantonspolizei Thurgau sowie Guido Schmucki vom EW Sirnach. An diesem Rapport wurde beschlossen, von zwei separaten Einsatzleitungen auf eine gemeinsame Gesamteinsatzleitung zu wechseln, da es sich um ein Grossereignis handelte. 

Während des Rapports kämpften die Feuerwehrleute in den einzelnen Abschnitte weiterhin gegen die Flammen. Nach ersten Erkenntnissen war das Feuer in der Lackiererei im Untergeschoss ausgebrochen und hatte sich sowohl nach rechts in das Palettenlager der Familie Stäheli als auch nach links in das Reifenlager mit rund 1000 eingelagerten Pneus ausgebreitet. Weiter waren die Flammen auch schon im Erdgeschoss, also in der Garage und der Werkstatt der Firma Desa. Zusätzlich befanden sich rund 100 Motorräder sowie Dieseltanks im betroffenen Bereich im Untergeschoss. Die gewählte Einsatzstrategie zeigte allmählich Wirkung. Ein Übergreifen des Feuers auf weitere Gebäude konnte rasch verhindert werden. Zu diesem Zeitpunkt brannte es bereits seit einer Stunde.

 Am ersten grossen Lagerapport wurde von allen involvierten Teilnehmern die Gesamteinsatzleitung bestimmt.

(Bild: Feuerwehr Sirnach)

Intensive Medienarbeit für Matthias Graf

In der darauffolgenden Stunde war auch Matthias Graf vom Mediendienst der Kantonspolizei Thurgau gefordert. Während auf dem Schadenplatz die Feuerwehr unermüdlich weiterarbeitete, lief bei ihm die kommunikative Koordination auf Hochtouren. Medienanfragen von Fernseh-, Radio- und Online-Redaktionen trafen im Minutentakt ein, das Telefon klingelte beinahe ununterbrochen. 

Graf bündelte die Anfragen, koordinierte die Informationen und stellte sicher, dass ausschliesslich gesicherte Inhalte nach aussen kommuniziert werden. Trotz der Intensität der Situation schätzte er seinen Stresspegel rückblickend als moderat ein. 

«Die grösste Herausforderung lag nicht im medialen Druck selbst, sondern in der schnellen und zuverlässigen Beschaffung aktueller Informationen», sagt er. Regionale, lokale und nationale Medien waren vor Ort.


 Matthias Graf gibt in Gloten ein Interview für TVO.

(Bild: Screenshot TVO)

Drei weitere Rapporte bis zur Übergabe an die Ortsfeuerwehr

Nach dem Mittag wurde der Brand weiterhin intensiv bekämpft. Langsam war Besserung in Sicht. Am zweiten Rapport zur nächsten vollen Stunde wurde entschieden, die Autobahn-Signalisierung durch die Polizei aufzuheben. Kurz darauf wurde um 13:12 Uhr auch die Alertswiss-Warnung aufgehoben. In der Folge gab Matthias Graf erste O-Töne und Interviews für verschiedene Medien. Am Schlussrapport konnte die Lage schliesslich als stabil eingestuft werden. Der Einsatz wurde wieder an die Ortsfeuerwehr übergeben, der Brand galt zu diesem Zeitpunkt als unter Kontrolle. Einsatzleiter Daniel Müller hatte bis dahin über 1’000 Befehle erteilt und den Einsatz über Stunden hinweg geführt.

150

Rettungskräfte

45

Atemschutztrupps 

24

Stunden Einsatzdauer

0

Verletzte Personen

Bearbeitung der Medienmitteilung, die erste Pause und ein Schock

Matthias Graf verliess den Schadenplatz um im Kommando in Frauenfeld die Medienmeldung zu verfassen und noch am selben Tag zu veröffentlich. Um 16 Uhr setzte sich Daniel Müller nach rund sechs Stunden Dauerstress erstmals kurz hin und gönnte sich eine Pause. Um 17:10 Uhr versandte Matthias Graf die Medienmeldung und blieb bis Dienstende um 18:00 Uhr im Büro. Er beantwortete die letzten Medienanfragen und verabschiedete sich anschliessend in den Feierabend. Doch am Lenzbüel 6 war der Tag noch längst nicht zu Ende.

Der Einsatz verbrauchte zu Spitzenzeiten zwischen 4800 und 4900 Liter Löschwasser in der Minute.

(Bilder: Feuerwehr Sirnach)

Ablösung, eine Dusche und Brandwache

Um 19 Uhr ass Daniel Müller zum ersten Mal etwas Warmes. Die Brandwache wurde in drei Ablösungen organisiert und bis zum folgenden Tag  geplant. Um 01:00 Uhr nachts verabschiedete sich Daniel Müller vom Schadenplatz und traf danach im Feuerwehrdepot in Sirnach ein. 

Um 01:35 Uhr war er zu Hause. Auf die Frage, was er dort als Erstes getan habe, lautet seine Antwort schlicht: duschen. Bis tief in die Nacht hielt er seine Erkenntnisse des Tages schriftlich fest. Zu diesem Zeitpunkt schlief auch Matthias Graf bereits. 

 Zum Zeitpunkt der Erarbeitung dieser Diplomarbeit sind die brandermittlerischen sowie versicherungstechnischen Details noch nicht vollständig geklärt. Der Fall wird die Familie voraussichtlich noch länger beschäftigen. 

(Bilder: Jeannine Stäheli)

Sehen Sie im Video wie es nach dem 2. Februar 2024 für die Familie Stäheli weiterging:

Impressionen der Anlage kurz vor der Eröffnung im Sommer 2025 :

(Bilder: Jan Isler)

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